Keine zentrale Heizanlage
Das realisierte Gebäude verzichtet auf eine zentrale Heizungsanlage. Die Grundwärme des Gebäudes entsteht überwiegend aus internen Wärmegewinnen der Nutzung, während ein Heizpapier als Spitzenlastabdeckung bei Bedarf zum Einsatz kommt.
Ablauf
Vom Planungsziel zur realisierten Maßnahme
Braucht jedes Wohnhaus eine Heizungsanlage?
Ausgangspunkt war die Frage, ob ein Wohngebäude ohne zentrale Heizung, wasserführende Leitungssysteme und die damit verbundene Wartung auskommen kann.
Entscheidung gegen eine konventionelle Heizungsanlage
Die Bauherrschaft entschied sich bewusst gegen eine konventionelle Heizungsanlage. Das Gebäude soll seinen thermischen Komfort weitgehend über Speichermasse, Wärmegewinne durch Sonneneintrag und Nutzung sowie gesteuerte Lüftung sichern.
Die Gebäudemasse wird zum Wärmespeicher
Gut gedämmte Außenwände sowie massive Innenwände und Decken speichern Wärme. Solare und interne Gewinne sowie eine sensorgesteuerte natürliche Lüftung stabilisieren das Raumklima zwischen 22 und 26 °C; eine elektrische Papierheizung dient als Backup.
Simulation statt Standardlösung
Mit der Entscheidung gegen eine konventionelle Heizungsanlage wurde eine Befreiung vom GEG notwendig. GWG, nbundm*, 2226 und ArcheNea erarbeiteten dafür gemeinsam das Energiekonzept; die erforderlichen Nachweise wurden durch eine dynamische Simulation erbracht.
Weniger Technik, geringer Heizwärmebedarf
Die Simulation ergibt einen Gesamtenergiebedarf von 26,5 kWh/(m²·a) und liegt damit unter dem Vergleichswert eines Neubaus nach GEG 2023 von rund 35 kWh/(m²·a). Ein mehrjähriges Monitoring soll zeigen, wie sich Energieverbrauch, Komfort und Betrieb in der Praxis entwickeln. Für das Gesamtprojekt werden zudem rund 16 % Einsparung gegenüber dem Planwert der KG 300 + 400 genannt; welcher Anteil davon auf das Heizkonzept entfällt, ist nicht separat ausgewiesen.
Vom Büro- in den Wohnungsbau
Das 2226-Prinzip ist bisher vor allem aus Bürogebäuden bekannt. Das Projekt soll zeigen, unter welchen Bedingungen es sich auch im Wohnungsbau bewährt und auf weitere Projekte übertragen lässt.
Fachliche Vertiefung
Planerisch
Integrale Planung ab Leistungsphase 0
Als Pilotprojekt des Gebäudetyps E nutzt das „Haus fast ohne Heizung“ gezielt Spielräume, um etablierte Standards zu reduzieren und alternative Lösungen zu erproben. Das 2226-Prinzip verzichtet auf eine zentrale Heizungsanlage; auch bei Schallschutz, Stahlarmierung und Elektroausstattung wurden Standards bewusst auf das notwendige Maß reduziert.
Der Gebäudetyp E schafft dabei den Rahmen, solche bewussten Abweichungen transparent zwischen Bauherrschaft, Planung und Fachbeteiligten zu vereinbaren. Entscheidend für dieses Experiment war deshalb auch das gemeinsame Verständnis aller Beteiligten: Vereinfachungen, Verantwortlichkeiten und notwendige Nachweise wurden gemeinsam entwickelt und getragen. Alle Beteiligten zogen an einem Strang.
Bautechnisch
Haustechnik
Das Gebäude ist so konzipiert, dass es grundsätzlich ohne konventionelle Heizung auskommt (Konzept 2226: 22 °C bis 26 °C). Die Raumbeheizung des Wohngebäudes wird vollständig durch die Abwärme der anwesenden Menschen, der technischen Geräte und der Beleuchtung sowie durch Sonneneinstrahlung gewährleistet. Es gibt lediglich ein Backup-Heizsystem (Bedarfsheizung) in Form eines elektrischen Heizpapiers (24-V-Basis) für Spitzenlasten.
Die Lüftung erfolgt automatisiert und sensorisch gesteuert: CO₂-, Wärme- und Feuchtesensoren steuern die motorisch öffnenden Fenster-Drehflügel für den Luftaustausch und die natürliche Nachtauskühlung (sommerlicher Wärmeschutz). Das Prinzip hat sich bislang vor allem im Bürobau bewährt, wo Nutzungszeiten und interne Lasten besser kalkulierbar sind als im Wohnbau.
Entsprechend wurde auf eine zentrale Heizungsanlage und wasserführende Heizsysteme verzichtet, die Versorgung mit Warmwasser erfolgt dezentral über Durchlauferhitzer. Die Stromgewinnung wird über eine PV-Anlage auf dem Gründach realisiert.
- Energiekonzept & GEG2226 AG
Simulation, Energiekonzept
Bauteile
Die massive Bauweise der Innenwände und Decken (Verzicht auf Trockenbau) dient der Speicherung von Wärme/Kälte und schafft ein angenehmes Raumklima. Außenwände aus hochwärmedämmenden Thermoziegeln mit Holzfaserfüllung, vorgesetzter Holzverschalung und mehrfach verglaste Fenster sind Teil der wirksamen Gebäudehülle.
Der Fußbodenaufbau ist als 100 % rückbaubares System konzipiert und ersetzt den konventionellen Estrich vollständig. Dadurch entfallen lange Trocknungszeiten und es gelangt keine zusätzliche Feuchtigkeit ins Gebäude. Die Lösung kombiniert Estrich und Bodenbelag in einem, ermöglicht eine geringe Aufbauhöhe und überzeugt durch hohe Wärmeleitfähigkeit, was zu kurzen Heizzeiten und niedrigen Energiekosten führt.
Gleichzeitig ist der Aufbau besonders wirtschaftlich: Die Anschaffungskosten liegen bei nur etwa 70 % eines herkömmlichen Bodenaufbaus mit Fußbodenheizung.
Plan oder Zeichnung · PDFFußbodenaufbau
Plan oder Zeichnung · PDFGrundriss
Rechtlich
Abweichung: DIN-Normen
Die Abweichung von DIN-Normen im Bereich des Wärmeschutzes durch den Verzicht auf eine konventionelle Heizung stützt sich auf Art. 63 der Bayerischen Bauordnung. Die Verwendung eines innovativen Heizpapiers führt zum Verzicht auf einen konventionellen Estrich zugunsten eines revisionsfähigen Bodenaufbaus.
Befreiung: GEG
Im Projekt erfolgte eine Befreiung vom Gebäudeenergiegesetz (GEG). Ein gängiger GEG-2023-Nachweis mit Berechnungsverfahren nach DIN 18599 ist hier aufgrund der nicht bzw. nur als Redundanz vorhandenen Heizungstechnik (rechnerischer Vergleich mit Referenzgebäude) nicht möglich.
Das GEG 2023 lässt in § 102 Ausnahmen zu, wenn 1. die Ziele dieses Gesetzes durch andere als in diesem Gesetz vorgesehene Maßnahmen im gleichen Umfang erreicht werden oder 2. die Anforderungen im Einzelfall wegen besonderer Umstände durch einen unangemessenen Aufwand oder in sonstiger Weise zu einer unbilligen Härte führen.
In diesem Fall werden die Ziele dieses Gesetzes durch andere als in diesem Gesetz vorgesehene Maßnahmen im gleichen Umfang erreicht.
Grundlage der Befreiung vom GEG ist eine Simulation des angenommenen Nutzungsverhaltens, das die inneren Wärmelasten, also Wärmegewinne durch Anwesenheit und Nutzung berücksichtigt. Die energetische Konzeptionierung orientierte sich dabei am Prinzip 2226 und wurde vom gleichnamigen Beratungsbüro erstellt.
Durch die thermische Gebäudesimulation wird belegt, dass der resultierende Heizwärmebedarf für das Gesamtgebäude den Heizwärmeverbrauch eines Neubaus nach GEG 2023, Berechnung nach DIN 18599, unterschreitet: Energiebedarf gemäß Simulation 2226 GmbH, 12.06.2023: ca. 26,5 kWh/m²a. Energiebedarf Neubau GEG 2023 (ehemalig KfW 55), Richtwert: ca. 35,0 kWh/m²a.
Durch die Stellungnahme des Sachverständigenbüros ArcheNea GmbH konnte das Gebäude in Ausnahme zum GEG nach 3102 genehmigt werden.
- EnergieberatungArchNea GmbH
Antrag auf Befreiung vom GEG
- Unterlage · PDFBefreiung GEG
- Unterlage · PDFDynamische Gebäudesimulation
